Christiane F. hat gestern bei der Frau Maischberger einen Satz gesagt, der eine ganze Reihe von Erinnerungen bei mir ausgelöst hat: "Ich bin so sauer, das war doch keine Jugend" (sinngemäss). Sie meinte aber nicht etwa ihre Drogenkarriere, sondern bezog sich auf die Endzeitstimmung, mit der man als Jugendlicher Anfang der Achziger groß geworden ist. "Das war doch alles viel zu politisch" - ständig waren Demonstrationen, das nukleare Damoklesschwert schwebte ständig über allem und Tschernobyl kam auch noch dazu.

Mal abgesehen davon, dass ich mir nicht so sicher bin, ob die Jugendlichen "von heute" nur noch Spaß und Party im Kopf haben und einfach ihr Leben geniessen wollen, was ihnen Frau F. bescheinigt und das keineswegs negativ meint, hatte ich spontan genickt bei diesem "die haben uns doch die Jugend geklaut"... ich weiss noch ganz genau, dass ich davon überzeugt war, dass demnächst die Atombombe fällt - genauso wie meine Freunde. Es gab routinemässig Sirenenalarm mehrfach im Jahr - solange ich denken konnte. Ich bin nachts wachgeworden, weil aus einem nahe gelegenem Industriekomplex Sirenen heulten und setze mich ans Fenster, um den Atompilz zu sehen. Es gab Demonstrationen gegen die Pershing-Stationierung in einem benachtbarten Stadtteil, Demonstration gegen die Atomkraft, Demonstrationen, Demonstrationen. Schul-Ags, dominiert von Ex-Kinderladen-Punks mit radikal-linkem Gepäck und Endzeit-Diskussionen überall - vielleicht kommt es daher, dass ich mir nie einen Plan für meine Zukunft, für meine Ausbildung, für mein Leben gemacht hatte - ich war überzeugt, dass es diese Zukunft sowieso nicht gibt. Und es war völlig klar, dass man in diese Welt keine Kinder setzt. Eigentlich komisch, dass ich irgendwie die Kurve bekommen habe, nicht auf irgend einer Droge hängen geblieben bin... aber was hängen geblieben ist: Ich kann immer noch nichts planen, was über den nächsten Tag hinaus geht.

Christiane F. hat übrigens wunderschöne Augen.