Gestern bin ich auf dem Lüften-Festival angesprochen worden, ob ich Lust hätte, mir "eine Performance" anzukucken. Da das Ganze im Bereich der von Miss Anette "Fruchtig" Gloser kuratierten "Art Cargo Bay" passierte, wo allerlei Trashiges, Lustiges, Selbstgebautes, an- und abgefahrenes Low-Brow Zeug rumlungerte, sagte ich spontan "ja", obwohl ich mit "Performance" eher nicht so warm werde, dachte ich zumindestens bis kurz darauf.

Was dann folgte, war - neben dem Konzert von Sharon Jones & The Dap Kings - mein persönliches Highlight des Festivals.

Auf am Rande einer kleinen Fläche, die zwischen den Zelten, Wohnmobilen und Ständen am Fuße der Jahrhunderthalle frei gelassen wurde, stand eine Art Hütte, eher ein Container aus Holz mit ein paar Bänken davor, auf denen viele Kopfhörer lagen, einem Schirm nebendran mit einer Person, deren Gesicht mit einer Stoffkapuze verhüllt oder Stofflappen umwickelt war und die vor einem Keyboard und einem Mischpult sass. Eine andere ähnlich gekleidet und verhüllte Person und eine junge Frau in komischer heller Kleidung (die ich erst viel später als Skiklamotten erkannte) teilten das Publikum in zwei Gruppen.
Die einen durften sich in den Container begeben, die anderen, zu denen auch ich gehörte, durften sich auf die Bänke setzen und die Kopfhörer aufsetzen (sehr bequeme und gut klingende Sennheiser, btw. ich habe mir leider das Modell nicht eingeprägt, blöd im Nachhinein, weil ich immer noch auf der Suche nach einem guten Kopfhörer bin). Aber egal, ich schweife ab, zurück zur "Perfomance".

Ich will nicht zu viel verraten, denn ich war ja komplett unvorbereitet und das war sehr gut so, weil das ständige "hä? was kommt jetzt?"-Gefühl machte einen großen Teil der Wirkung des nun folgenden aus.

Über die Kopfhörer bekam man in so einer Art Dokumentationserzählung, wie man sie z.B. auch in solchen Informationscentern in Naturwundergebieten oder den Planet Earth Sendungen auf BBC o.ä. hört, erzählt, dass man im Begriff sei, eine Simulation zu schauen, wie das Leben auf der Erde im Jahr 2012, kurz vor dem 'Big Change', aussah, kurz bevor die Menschheit, bzw. der "Spätmensch", ausstarb. Das Ganze natürlich wissenschaftlich fundiert und anhand von Grabungen belegt. Dabei schaute man einfach auf das Treiben des Lüften-Festivals, die vorbeischlendernden Besucher, die ihrerseits erstaunt zu der Gruppe Leuten mit Kopfhörer vor einem Holzcontainer schauten.
So nach und nach wurden in der "Simulation" fünf der typischen Spätmenschen vorgestellt, deren auffälligstes Merkmal die irgendwie nicht so echt zum Rest der Leute passenden Klamotten waren. Da sich diese auf dem Platz vor dem Container bewegten und auch manchmal etwas weitere Kreise zogen und auch mit Besuchern, die irgendwie nur am Rande des Platzes weilten, interagierten, war es nicht wirklich möglich zu erkennen, wer denn nun alles zur "Performance" dazugehörte und wer nicht. Die Kopfhörererzählung, die auch spontan Momente des Geschehens so einbaute, dass der Eindruck entstand, es folge wirklich alles dem Simulationsablauf, verstärkte diesen Effekt noch.

Es war also so, dass wir alle nun 700 Jahre in die Vergangeneit schauten und über die Merkwürdigkeiten des Spätmenschen und seinem Umgang mit der Natur und miteinander informiert wurden. Sehr cool dabei war, dass die Erzähler ständig Worte leicht falsch aussprachen oder ungewöhnliche Bezeichnungen für ganz normale Gegenstände verwendeten - der Eindruck, einer lückenhaften Interpretation des 'damaligen' Geschehens beizuwohnen, wurde perfekt.
Es wurde klar, dass die fünf Exemplare der Spätmenschen eine besondere Rolle für die nachfolgende Zivilisation hatten, weil sie offenbar nicht wie die anderen ausstarben, sondern sich weiterentwickelten und anpassten.
Wie gesagt, ich verrate hier nicht viel mehr, nur so viel, dass nach und nach immer abgefahrenere Gestalten das Blickfeld bevölkerten - merkwürdige Wesen, unter anderem ein wandelnder Tannenbaum, die am Ende ein wunderschönes mehrstimmiges Lied anstimmten - direkt vor uns und dem Container stehend.

Danach kam der 'Softwareentwickler der Simulation' (einer der vermummten Kerle vom Anfang) und berichtete stolz, dass nun zum ersten mal die Simulation so stabil sei, dass wir, die Betrachter, diese sogar betreten und mit ihr interagieren könnten - wir dürften nun die Kopfhörer und die Bänke verlassen und ein wenig auf dem Platz herumlaufen, Dinge berühren (er hatte sogar einige Originalfundstücke aus der Zeit zum Verteilen mitgebracht) und mit Simulationsmenschen reden.

Das Ganze war die geschickte Rochade der beiden Gruppen, wir durften nun in den Container und die anderen auf die Bänke.

Das Innere stellte sich wie eine einfache Holzhütte in den Bergen dar, mit Pritschen, einem Ofen, Tisch mit Stühlen, einer Holzstiege ins Obergeschoss, und zwei Fenstern nach draussen, die durch Monitore simuliert waren und auf denen ein verschneiter Wald zu sehen war.

Auch hier wurde uns mitgeteilt, dass wir im Folgenden einer Simulation der Ereignisse, die die fünf besonderen Spätmenschen vor 700 Jahren ereilte, beiwohnen, die bei aller Realität jedoch für uns völlig ungefährlich sei. Sollte sich jedoch Unwohlsein oder Angstgefühle einstellen, bitte Bescheid sagen. :-)
Solcherart eingeschwungen erlebten wir nun, wie fünf offenbar von Job und Leben in der Stadt genervte Personen mal "das einfache Leben" für ein paar Tage in den verschneiten Bergen abseits der Zivilisation und in der Nähe des Bödmerenwald durchziehen wollten. Dabei wurde perfekt mit den verschiedenen Wahrnehmungsebenen von uns Zuschauern gespielt - zum einen die echten Personen vor Ort, dann Abbilder dieser Personen, die, sobald sie die Hütte verliessen, auf den Bildschirm-"Fenstern" zu sehen waren, und die Geräusche von draussen (besonders beeindruckend am Ende, aber dazu gleich mehr). Das Ganze griff so perfekt ineinander, dass ich mich wirklich wie in einer Blockhütte im Schnee fühlte, in der sich die zwischenmenschlichen Spannungen und Zuneigungen entluden, während wir der Gruppe über mehrere Tages- und Nachtwechsel dabei zuschauten, wie sie ihrer eigenen Regeln brechen und sich krachen und wieder versöhnen.
Erneut möchte ich nicht den ganzen Ablauf verraten, nur so viel: Auch hier spielen die vorher schon draussen erlebten grotesken Waldmonster eine wichtige Rolle. Nach und nach verschwinden die Hütteninsassen und mehr und mehr der "Monster" tauchen auf, bis am Ende die fünf Monster vor den Bildschirm-Fenstern, also draussen vor der Hütte, ein trauriges mehrstimmiges Lied singen - genau in dem Moment, wo für die Zuschauer draussen auf den Bänken genau das gemacht wird, wir drinnen also den echten Gesang "vor der Hütte" hören, während wir die Bilder auf den Monitoren sehen, wo die Viecher im Schnee stehen.

Ich bin wirklich begeistert von dem, was ich da erleben durfte - der URWALD der Gruppe FAR A DAY CAGE ist eine choreographische und logistische Meisterleistung und wie das Thema der "Simulation" in das gleichzeitig stattfindende "echte" Leben in der Umgebung eingebaut wurde, ist super.

Die Städte sind auf dem Vormarsch. Seit 2007 lebt die Mehrheit der Menschen weltweit in Städten. Der Wald ist auf dem Vormarsch. Die Fläche des Schweizer Waldes hat in den letzten 15 Jahren um über fünf Prozent zugenommen. Es scheint, dass sich die Zukunft unserer Gemeinschaften aus Extremen speist. Und je urbaner der Lebensstil, desto grösser die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen.
Far A Day Cage geht in den Urwald. Mehrere Wochen lang lebt und probt die Gruppe am ursprünglichsten Ort der Schweiz: im Bödmerenwald, dem grössten Urwald der Alpen, der unwirtlichsten Gegend der Schweiz; eine Gegend, die sich wirtschaftlicher Nutzung und der um sich greifenden Zersiedelung vollständig entzieht. Aus der Konfrontation mit der Natur, mit existentiellen Bedürfnissen und Ängsten, entsteht ein Stück mitten in der Stadt. Far A Day Cage nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise zu den Ursprüngen. Oder ist es eine Reise in die Zukunft?

Also, absoluter Tipp, hingehen, wenn das Ding irgendwo bei Euch in der Nähe stattfindet!

Photo: Pressefoto via Theaterfestival Basel