Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, auf dem zu sprechen.

wke

Im Vorfeld verfluchte ich meine leichtsinnige Zusage, da etwas zum Track "HTML5 - Back to the Roots" beizutragen und ein wenig zu Progressive Enhancement zu erzählen. Oder eben: Mit den Urbausteinen des Web statt dagegen zu arbeiten. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass ich einen Vortrag halte oder vor einer Gruppe von Menschen rede, so war es dieses Mal doch besonders, da ich normalerweise bei Schulungen, InHouse Veranstaltungen oder auch Projektpräsentationen das Publikum kenne und auch einen relativ klaren Zweck dessen, was ich da erzähle, habe.

Bei diesem Vortrag war es aber so, dass ich weder die Anzahl, noch die Art des Publikums vorher einschätzen konnte, und ausserdem wusste ich, dass da auch Leute sind, die ich selbst sowohl fachlich als auch persönlich wertschätze, und da will man sich ja auch keine Blöße geben.

Kurzum: Ich war in den Wochen, Tagen und schliesslich Stunden vor dem Vortrag ordentlich nervös und habe das Thema zig mal überarbeitet. Erst dachte ich, das ist viel zu wenig, zu oberflächlich, zu wenig konkrete (Code)Beispiele. Dann war es zu technisch und zu wenig grundsätzlich. Dann war es zu lang, dann wieder zu kurz; so ging das (in meinem Kopf) bis unmittelbar zu dem Moment, als ich dann also vortrug.

Es war also durchaus eine neue Erfahrung für mich, und ich bin froh, dass ich die in diesem Rahmen machen konnte, denn das Drumherum war bestens organisiert - es gab mehr als ausreichend zu essen und zu trinken, vom Orga-Team war immer jemand greifbar/sichtbar und die Technik in den Hörsälen funktionierte und sah sehr zuverlässig aus. Nichts ist schlimmer, als wenn unmittelbar vor dem Vortrag technische Probleme die Aufmerksamkeit erfordern, dann, wenn man sowieso gerade das Gefühl hat, das Hirn sei zu einer Rosine geschrumpft. Ich kenne das noch von meinen ersten Bandauftritten - Lampenfieber bis kurz vor Brechreiz und dann vergisst man, den Standby-Schalter am Verstärker umzulegen und bis man das merkt, hat man erstmal alle Kabel aller Effektgeräte durchgerüttelt und bekommt ordentlich Panik. Eine funktionierende Technik, die auch nicht wie gerade mal eben hinimprovisiert aussieht, beruhigt also ungemein. Wenn dann noch freundliche Menschen des Orga-Teams sichtbar sind - auch wenn man gar keinen akuten Bedarf hat, es reicht einfach zu wissen, da ist jemand, den man Fragen kann, sollte noch etwas fehlen oder nicht klappen - dann ist das ein prima Umfeld.

Ich erkläre irgendetwas gestenreich, was nicht im Bild zu sehen ist

Neben der Erfahrung, nun also auch mal 'öffentlich' gesprochen zu haben, war ein weiteres Highlight, die ganzen Menschen hinter meiner Twitter-Timeline zu treffen und neue kennenzulernen. Ich hoffe und denke, das wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass man sich trifft. Vielleicht ja schon auf der Nürnberg Webweek, ich plane gerade, dem dortigen a11yClub beizuwohnen.

Ein bisschen schade finde ich, dass man bei einem Dual-Trackformat, wie es der Webkongress fährt, immer einen Vortrag nicht mitbekommt, der parallel zu dem, den man sich gerade anhört, läuft. Dank der Aufzeichnungen und dem rasanten Arbeiten der Orgaleute kann man die verpassten Vorträge nun per Video ansehen, aber 'Live' ist halt doch noch mal was anderes.

Persönlich hat mich beeindruckt, dass sehbehinderte und blinde Menschen im Publikum des Kongresses waren. Für mich gab es einen ungeheueren AHA Moment, als ich darüber nachdachte, wie autark sehbehinderte und blinde Menschen sich da bewegten, teilweise mit Taststöcken, teilweise mit Blindenhund, teilweise unter widrigen Umständen (die Treppen im größeren Hörsaal gehen schon ziemlich steil nach unten), und dann zeigte Marco Zehe (@marcozehe), wie schnell es mit diesem autarken Bewegen vorbei ist, sobald man ins Web geht.

Sein Vortrag war mein persönliches Highlight, weil ich für mich dort am meisten mitgenommen habe.

Zu sehen, wie Fehler oder Nachlässigkeiten in Struktur, Aufbau und Code der Webseite diese für nicht nur visuelle Nutzung teilweise komplett kaputt macht oder zumindestens so anstrengend, dass man das Angebot gar nicht mehr nutzen möchte, das hat mir sehr zu denken gegeben. Es resoniert ein wenig auch mit dem Thema meines Vortrags, eben der Rückbesinnung auf die eigentlichen Stärken semantischer Struktur und Basis-Markups, aber es hat mich auch sehr nachdenklich gemacht über die Verschwendung von Zeit, KnowHow und Potential, die in meinem Tagesgeschäft beim Erstellen von Webseiten für Kunden so passiert. Das Medium könnte gerade da, in der Zugänglichkeit noch soviel mehr machen, wenn man es doch nur richtig einsetzt. Zu sehen, genaugenommen zu hören, wie eine Webseite wie die der Süddeutschen Zeitung, die wohl aus SEO Gründen darauf verzichtet, ihre Artikelstruktur mit richtigen Überschriften-Tags zu versehen, in einem Screenreader fast Dada-esque Wortsalven abfeuert - das ist schon heftig.

Ich kann nur jedem, der auch nur irgendwas ins Web stellt, empfehlen, sich den Vortrag von Marco Zehe anzuschauen. Ausserdem war der wirklich extrem unterhaltsam.

Was den wtf?! Faktor angeht, war allerdings der Vortrag von Alvar Freude der 'Gewinner'. Ich hatte das schon vermutet, aber in der Ballung von 45 Minuten einen Roundup über den gefährlichen Quatsch, der da mit den Netzfiltern veranstaltet wird, zu bekommen, war ziemlich derb. Auch da: man hat das Web nicht verstanden und ist dabei, es kaputt zu machen.

Ich empfehle, alle Vorträge anzuschauen. Ich wühle mich gerade durch die Themen, denen ich nicht 'in echt' folgen konnte, aus oben genannten Gründen interessiert mich vor allem der Talk von Kerstin Probiesch (@kprobiesch) zu den Web Content Accessibility Guidelines WCAG 2.0.

Der Webkongress war eine tolle Erfahrung, vielen Dank an alle, die das möglich gemacht haben, und besonderen Dank an Marc (@mademyday), der mir den Scheiss eingebrockt hat. ;-)