Zeit für eine kleine Konzertrückschau, der alte Mann ist mal aus dem Haus gegangen.

Letzte Woche Dinosaur Jr im Schlachthof Wiesbaden, gestern The Afghan Whigs in der 'Kapp: meine Lieblingsliederlieferanten aus der Zeit meiner musikalischen Prägung scheinen wieder munter zu werden. Fehlen eigentlich nur noch Buffalo Tom, All habe ich neulich verpasst, und der Rest stirbt leider langsam aus.

Der Abend begann extrem preussisch um zwei Minuten nach acht, als ein einsamer Ed Harcourt vor den vielleicht 100 Leuten, die breits in der Halle waren, loslegte. Aber wer ist schon einsam, wenn er mehrere Instrumente beherrscht, einen Looper und Laptop besitzt und binnen kürzester Zeit einen Soundteppich webt, der erst meine Kinnlade nach unten und dann die Mundwinkel weit nach oben bewegte?
Der Offset-Gitarrennerd in mir freute sich über die Jazzmaster im Hintergrund (die aber erst später beim Set der Afghan Whigs zum Einsatz kam) und die heftig modifizierte Jaguar, die mit einem P-90 am Hals und etwas, was aussah, als wäre es direkt von einer Telecaster implantiert worden an der Brücke, bestückt war. Und einen Midicontroller-Pickup oder irgendwas, womit er noch massivsten Synthibass steuern konnte, war da auch noch drin verbaut, egal, jedenfalls machte das Ding ordentlich Alarm :-)
Bis auf eine kurze Verstärkung an der Violine (Afghan Whigs Bandmitglied) bestritt er den kurzen Auftritt komplett alleine, aber ich habe nix vermisst.

Ed Harcourt feat. 1/5 Afghan Whigs, Photo: F. Cong BuiPhoto: F.Cong-Bui

Das war eine wunderbar intensive halbe Stunde, mit einigen Gänsehautmomenten, und dass Ed Harcourt ein großartiger Songwriter ist, wissen nun nicht nur so Leute wie Sophie Ellis-Bextor, sondern auch eine handvoll Frankfurter mehr.

Um drei nach halb neun war der Auftritt schon vorbei, und ich maulte ein wenig rum, warum die Afghan Whigs, die ja mit Ed Harcourt gut befreundet sind, ihm da so wenig Raum lassen. Allerdings wusste ich da noch nicht, dass er auch während des Gigs der Whigs (hihi) mehrfach an vierter Gitarre, Backingvocals und Keyboard aushelfen würde.

Und dann die Afghan Whigs. Ich gebe zu, ich habe die Band in den letzten Jahren und seit der Reunion aus den Augen verloren, und obwohl sie mich damals(tm) mit 'Miles iz ded' aus den Socken hauten und sich meine Gitarrenschrammelband später an einer Interpretation von 'Faded' versuchte, war mir nicht mehr bewusst, wie sensationell gut das Songmaterial ist.

Ohne Scheiss, die hatten mich bereits in den ersten drei Minuten des Sets gepackt. Greg Dulli könnte rein optisch zwar mittlerweile auch einen Pub besitzen, was aber seiner Bühnenpräsenz keinen Abbruch tut, und die Stimme, DIE Stimme, die kanns immer noch.

Afghan Whigs feat. Ed Harcourt, Photo: F. CongBuiPhoto: F.Cong-Bui

Die gut zwei Stunden vergingen wie im Flug. Es war laut, sogar lauter als bei DinosaurJr, das muss man auch erstmal hinbekommen (wobei die auch echt brav waren in Wiesbaden), aber es war nie so laut, dass man nicht die zig Schichten und Vertracktheiten der Instrumentierung hätte identifizieren können.

Meinen ersten Kontakt mit der Band haben sie nicht leider nicht gespielt (deshalb muss das unten in die Videos), dafür aber eine grandiose 'Faded' Version als allerletzte Zugabe. Was auch klar ist, denn was soll nach so einem Song noch kommen? :-)

Es war ein ganz ganz großartiger Abend.

Für die Band und den Veranstalter hätte ich mir mehr Besucher gewünscht (und auch erwartet: die Shows heute und morgen in Belgien sind alle AUSVERKAUFT - aber Frankfurt war ja schon immer schwer für gute Musik), andererseits war es so für die, die da waren, wirklich sehr angenehm gefüllt und das anwesende Publikum, das waren wirklich Fans - das sah man, das spürte man und ich glaube, auch die Band hat das bemerkt und hat wirklich alles gegeben.

Ich habe auch alles gegeben und mein gesamtes Taschengeld in Shirts vom Ed und den Whigs investiert, und sogar noch was draufgelegt für die Merch/Bandkasse, weil ich das Shirt vom Ed mit 15,-- für den schicken Druck zu günstig fand.

Schön, dass es noch solche Musiker gibt.