Tonarm auf Schallplatte, Foto: James Sutton, usplash
Drüben auf Twitter geistert schon etwas länger ein Stöckchen rum:

Day 1/10 of #10albums that have influenced my musical taste.
No explanation, no review, just the cover.

10 Albencover, die den persönlichen Musikgeschmack prägten, 10 Tage lang eins posten.

Heute, an "meinem" siebten Tag, fällt mir auf, dass 10 Alben nicht ausreichen. Je länger ich darüber nachdenke, was wann meinen Musikgeschmack geprägt hat, umso mehr unterschiedliche Künstler, Epochen und Alben fallen mir ein. Und manchmal ist es nicht das ganze Album, sondern ein bestimmter Song daraus -- was der Grund ist, warum es Nirvanas "Nevermind" nicht in meine 10 Alben Twitterliste geschafft hat, obwohl "Smells Like Teen Spirit" seinerzeit, als ich es das erste Mal hörte, mich komplett aus den Socken gehauen hat und ich mich immer noch genau an den Moment erinnere, als ich es zum ersten Mal hörte.

Meine musikalische Sozialisation ist eh sehr komisch Verlaufen. In meiner Kindheit lief schon auch immer Radio und mein Vater hatte eine kleine Platten- und Singlesammlung und auch fleissig Kassetten für sein Autoradio aufgenommen, aber irgendwie ist mir da nicht wirklich was hängengeblieben, ausser, dass es sonntags eine "Oldie" Sendung im hessischen Rundfunk gab, wo viel 50ies und 60ies Rock'n'Roll Zeug lief, Vater fleissig Kassetten aufnahm und die ein oder andere Elvis-LP wurde auch des öfteren aufgelegt. (Aus der Single-Sammlung, die er irgendwann mal Was soll ich mit dem alten Kram? wegwerfen wollte, habe ich eine schwedische "Apache"-Pressung von Jorgen Ingmann gerettet, immerhin.)

Ich weiss ehrlich gesagt auch nicht mehr, wann ich mein eigenes Radio hatte und wann ich mit einem tragbaren Kassettenrekorder aufgenommen habe - kann sein, dass ich jetzt einen Zeitsprung in der Erinnerung habe, aber so Ende der 70er Jahre und in die Achziger hinein war vor allem die wöchentliche "Hitparade International" Sendung mit Werner Reinke die Quelle für die Kassettenaufnahmen und somit des Soundtracks meiner ausklingenden (haha) Kindheit. Parallel dazu, oder vielleicht sogar etwas früher, entdeckte ich AC/DC - ich vermute, über "TNT" (omg der erste Chord, immer noch so gut!), was es mit Sicherheit auchmal in die "Hitparade" schaffte, und ab da war ich AC/CD Fan. Mit Posterecke im Zimmer und auch bald den entsprechenden LPs im Schrank. Der Tod von Bon Scott im Februar 1980 hat mich richtig fertig gemacht - da ist eine Welt für mich zusammengebrochen (viel ärger als später nochmal, als Kurt Cobain sich die Schrotkugeln gab). Und Brian Johnson ist immer noch "der neue", klar. Eine Sache, die mein Verhältnis zur Musik zu dieser Zeit vielleicht gut beschreibt: Ich hatte die Pink Floyd "The Wall" als Doppel-LP und ohne zweimal nachzudenken gegen die "Back In Black" von AC/DC eingetauscht, weil fand' geiler. Damals. Ahem. Neben AC/DC gabs noch KISS, und dann mit einigem Abstand Queen - das waren die Platten, die ich so mit 12,13,14 hörte. Kleiner Episoden-Einschub: Irgendwer meinte es gut mit mir und hatte mir die Queen "Jazz" geschenkt. Die mit Bicicle Race und dem großem Einleger "nackte Frauen auf Fahrrädern". Und da bei meinem Opa neben den Fernsehzeitungen auch "Praline" und "Wochenend" auf dem Tisch lag, dachte ich, das könnte ihm gefallen und habe das Poster verschenkt. Ich Depp. Gab dann wohl auch etwas Unfrieden bei den Großeltern, aber so richtig geredet hat keiner darüber. Jedenfalls habe ich eine Queen "Jazz" Vinyl *ohne* das Poster.

Und dann ist was merkwürdiges passiert - durch den Tennisverein und die Erdbeerkörbchenfahrer, durch regelmässige Besuche auf der Eisbahn und zum Teil immer noch die "Hitparade" kamen immer mehr so Disco- und Dancefloorsachen und, ich muss es leider zugeben, ich fand Modern Talking und Sandra und dann den ganzen Scheiss aus der "Italo Disco" Welle super. Rückblickend betrachtet war da sicherlich der ein oder andere Klassiker dabei, aber so sehr ich gerne damit angeben würde, dass ich Madonna schon kannte und gut fand, als sie noch kein Star war, es war halt leider auch ziemlich viel SCHEISSMUSIK in dieser Phase dabei. Andererseits wäre ich ohne diese Schiene nie auf die Rap- und Hip-Hop Sachen aufmerksam geworden, und darüber dann auch auf ziemlich viel cooles Funk-Zeug... und die Scratch & Break Sachen brachten mich dazu, monatelang Breakdance zu trainieren... und der Soundtrack aus dieser Zeit bringt mich immer noch zum Zucken :-)

Zum Glück (für meinen Musikgeschmack) lernte ich aber in der Oberstufe eine Reihe von Leuten kennen, die mich dann mit anderen Sachen in Kontakt brachten - ich war jetzt in dem Alter, wo man abends auch schonmal in einen Club gehen konnte und ich hatte das große Glück, dass das genau zu der Zeit war, als sich aus England und Amerika gerade die Post-Punk Sachen und andere schrägere gitarrenlastige Sachen in die Anlagen der Clubs, in die wir gingen, ergossen. Der "Idiot Ballroom" in der Batschkapp kann hier gar nicht oft genug erwähnt werden - die Jahrescharts waren mir über ein paar Jahre fast eine verpflichtende Einkaufsliste. Und im Cooky's war ich fast jede Woche Ende der achziger, Anfang der neunziger bei den Montag-Nachtkonzerten und habe auch da eine unglaubliche stilistische Bandbreite an beeindruckenden Bands mitgenommen.

In den frühen Neuzigern dann, klar: Grunge. Aber immer auch noch diese Affinität zu den ballernden und tanzbaren Sachen - ich glaube, das ist das, was meinen "Geschmack" immer noch definiert. Ich habe nicht die eine Nische - und ob mich ein Song kickt oder nicht, kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Metal, Rock, Disco, Rockabilly, Jungle, Indie, Ska, NDW, Reggae, Tekkno, Surf, Stoner, House, Northern Soul, Punk, HipHop - you name it, es gibt fast überall Lieblingssongs von mir.

Der für mich im Nachhinein faszinierendste ist, dass ich erst ab da, wo ich selbst angefangen habe, mit Bands Musik zu machen, durch die anderen Mitglieder auf die "Klassiker" der Genres gekommen bin - zb Black Sabbath oder andere wirklich stilprägende Band der 60/70er sind komplett an mir vorbei gegangen bis ca Mitte der 90er. Selbst die Beatles habe ich erst spät (und wie könnte es anders sein, wegen der damaligen Freundin) Ende der 80er schätzen gelernt. Die Dame hat mich zwar für Jahre beziehungsunfähig gemacht, aber dass ich über sie die Smiths, Cure und Police eingeimpft bekam, ist eins der wenigen guten Dinge aus dieser Episode.

Was mich den Überlegungen zu den 10 Platten auch etwas erschreckt hat: Seit den 2000ern fällt mir keine Platte mehr ein, die mich in irgendeiner Form so nachhaltig beeindruckt hat, dass ich sie da aufführen würde. Die "neueste" dürfte die "Rated R" von Queens Of The Stoneage sein - und die ist glaube ich von 2000. Nein, wait, die "Silent Alarm" von Bloc Party hat mich ca 2005 mächtig gekickt.

Stand heute also 15 Jahre ohne Weiterentwicklung im Musikgeschmack? Nur noch alte Sachen entdeckt und für gut befunden oder Dinge wie Mastodon oder Red Fang, die aber irgendwie auch nur alten Wein in ziemlich geilen neuen Schläuchen verkosten?

Das gibt mir dann doch zu denken. The Age Is Showing und früher war musikalisch also alles besser? - I don't think so, aber vielleicht bin ich tatsächlich ignoranter gegenüber "neuen" Sachen geworden oder unter meinem Stein kommt da nicht mehr soviel an.

Und ganz im Ernst: Um mich so zu kicken, wie es z.B. Fugazis Waiting Room, Refuseds New Noise oder Rage Against The Machines "Killing in the name of" immer noch tun, da muss schon einiges passieren. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Songs wie Sonic Youths 100% oder Dinosaur JRs "Start Chopping" ein Feeling, einen Moment, der auch in meinem Leben prägend war, transportieren, und der ist nunmal weg, vorbei, das lässt sich nicht mehr nochmal erleben. Outshined. Hm. Wenn ich mir überlege, dass ich in den Achzigern nicht so echt verstanden habe, warum meine Eltern bei so Fifties Zeug glasige Augen bekamen, und jetzt sehe, dass ich 2020 ebenfalls 30 Jahre alte Songs massiv abfeiere… oh. weh.

Meine letzte Platte die ich mir kaufte war vorletzte Woche; die 2015er Doppel-Vinyl Re-Issue von HAWKWINDs Space Ritual - also auch nicht gerade was Modernes, haha.

Photo by James Sutton on Unsplash